Veröffentlicht: Donnerstag, 24. Mai 2018 in Kategorie: Allgemein

Bogenschießen als Therapie

Karl Kopka leidet unter dem KiSS-Syndrom. Das ist die Abkürzung für Kopfgelenk-induziertes Symmetrie-Syndrom. Das ist nicht wirklich eine Krankheit, sondern mehr eine Steuerungsstörung, denn es handelt sich um eine Fehlstellung im Übergangsbereich zwischen der Schädelbasis und den Wirbelgelenken im Bereich der oberen Halswirbelsäule. Mittlerweile kann der Neuntklässler der Herzog-Ernst-Gesamtschule damit umgehen. Und er hat eine Möglichkeit gefunden, trotz KiSS sportlich aktiv und erfolgreich zu sein. Auf den Weg dahin hat ihn Bernhard Schäfer begleitet, der sich bei den im Fachschulsportverein 1950 Gotha organisierten Bogenschützen als Trainer im Jugendbereich engagiert.

Warum ausgerechnet Bogensport?

Karl: Dazu hatte ich Lust, im Gegensatz etwa zum Fußballspielen. Und Bogenschießen hat uns auch Dr. Robby Sacher empfohlen, ein Arzt aus Dortmund, der sich intensiv mit KiSS beschäftigt und den meine Eltern konsultiert haben.

  1. Schäfer: Interessant ist, dass der Körper eine Sportart für sich ablehnt und eine andere als genau richtig empfindet.

Und was bewirkt das Bogenschießen?

  1. Schäfer: Da lässt sich manches aufzählen, im Fall von Karl kommt ihm die Stärkung der Rückenmuskulatur und der Kopfmuskulatur zu Gute. Weiter hat ihm der Sport geholfen, Selbstvertrauen zu tanken. Als Karl vor fünf Jahren bei uns anfing, war er eher gehemmt.

Was vielleicht daran lieg, dass mit KiSS sportlich wenig zu reißen ist.

Karl: Das stimmt, wenn man beim Sport immer als letzter in eine Mannschaft gewählt wird, ist das fürs Ego nicht wirklich gut.

  1. Schäfer: Genau. Karl hat sich bei uns lange Zeit wenig getraut. Das war schon bei der Abfolge des Schießens zu erleben. Und er hat sich auch gescheut, sich mit uns auseinander zu setzen. Doch das konnten wir gemeinsam ändern.

Hat sich der Bogensport denn auf den Schulsport ausgewirkt?

  1. Schäfer: Karls Sportlehrer hat das Bogenschießen mehr als akzeptiert. Über die Eltern bin ich mit ihm ins Gespräch gekommen. Und er hat verstanden, dass es völlig ausreichend ist, wenn Karl beweist, er kann seine Übung vorführen. Nur mehrfache Wiederholungen derselben sind bei KiSS-Kindern kontraproduktiv.

Karl: Und als ich zum ersten Male Thüringenmeister wurde, hat mir mein Sportlehrer darauf eine Eins gegeben. Da war ich schon stolz, ganz klar.

Hat das auch bei den Mitschülern zu mehr Akzeptanz geführt?

Karl: Ja, die haben schon gestaunt.

Also erfüllt Bogenschießen bei dir gleich zwei Funktionen, es hat einen therapeutischen Wert und es macht offenbar viel Spaß, sonst würde es ja nicht zu Siegen reichen.

Karl: Die Therapie funktioniert, denn im Sport bin ich deutlich besser geworden als zuvor. Und was den Spaß betrifft, ich habe jetzt vier Landesmeistertitel geholt und auch sonst bei Turnieren nicht schlecht abgeschnitten.

An wie vielen Turnieren hast Du teilgenommen?

Karl: Die kann ich gar nicht alles aufzählen, es waren etliche. Und dort habe ich mich auch über zweite Plätze gefreut.

  1. Schäfer: Karl kann sich im Verein mit den guten Schützen messen. Dass zeigten seine hervorragenden Ergebnisse etwa beim Böhmenturnier in Bad Langensalza, das wir als Verein ausrichten.

Herr Schäfer, wie therapeutisch ist Bogensport?

Das kann ich an zwei Beispielen erklären: In Erfurt gibt es eine Gruppe, die sich dieser Sportart allein als rückentherapeutischer Sicht widmet. Außerdem gibt es eine Variante des Bogensports, die häufig in der Psychotherapie angewandt wird. Da geht es nicht um Präzisionsschießen, sondern über die normalen Abläufe beim Bogenschießen werden therapeutische Ansätze gefunden.

Und das funktioniert?

  1. Schäfer: Ja, es funktioniert. Du kannst nicht Bogenschießen, wenn du nicht den Kopf frei hast. Wer also einen Pfeil ins Ziel bringen will, ist gezwungen, zuvor seine Probleme abzuarbeiten.

Karl: Das hat mir Bernhard beigebracht, wie man frei wird im Kopf. Und ich merke das auch selber, wenn mich etwas beschäftigt und ich kann es nicht ausblenden, schieße ich schlecht.

Sie haben als Trainer auch mit verhaltensauffälligen Kindern zu tun?

  1. Schäfer: Das ist die Ausnahme. Allerdings hatten wir ein Kind in der Gruppe mit ADHS, also hyperaktiv mit Aufmerksamkeitssyndrom. Die kriegt man tatsächlich mit dem Bogenschießen eingefangen. Sie müssen beim Moment des Schießens ruhig sein, wenn sie drei Pfeile schießen, sind das drei Phasen, in denen sie gelassen sind, das ist für die Kinder viel. Bei Karl war aber das Gegenteil der Fall. Ihn musste ich praktisch dazu bringen, sich zu öffnen und mutig zu werden.

Herr Schäfer, wie wird man Trainer mit therapeutischen Hintergrund?

Zunächst, die allermeisten Kinder und Jugendliche kommen allein wegen des Bogensports in unserem Verein. Dort war ich auch ganz normaler Bogenschütze. Ich habe, denke ich, 2008 damit begonnen. Dann wurde ich Platzwart für unser Freigelände in der Pfullendorfer Straße. Und kurz darauf habe ich meinen C-Schein gemacht, bin also Trainer für Breitensport geworden. Gerade in dieser Zeit kamen immer mehr Kinder in den Verein und die brauchten jemanden, der sich für sie verantwortlich fühlte. Das habe ich dann gemacht, da ich ohnehin schon viel Zeit auf dem Platz verbracht habe. Angefangen habe ich, als Karl zu uns stieß. Das war dann für den Trainer eine Herausforderung, der ich mich gern gestellt habe.

Klaus-Dieter Simmen, Text und Bild